War früher alles besser?

Zappen, posten, zwitschern und glotzen – bis der Arzt kommt. Die digitale Welt dreht sich mittlerweile immer schneller. Sensible Menschen sollten sich vor permanenter Reizüberflutung schützen und die Off-Taste im Auge behalten.

Wer heute in den „besten Jahren“ ist, so zwischen 40 und 60, und man fragt ihn, wie es denn gewesen sei, in seiner Kindheit, der erhält Bilder einer Zeit, die heute kaum mehr vorstellbar ist. Stand im Wohnzimmer schon ein Fernsehgerät, klobig mit Röhren im wuchtigen Gehäuse? Oder musste man zum Nachbarn gehen, um sich die Nachrichten anzusehen, in Schwarz-Weiß? Es war eine Zeit, in der das Wort „zappen“ noch nicht gedacht werden konnte, weil es nur zwei oder drei Fernsehsender gab. Und heute? Mehr als hundert TV-Kanäle, dazu viele neue Medien und ihre digitalen Welten prasseln auf uns ein. Es bleibt nur wenig Besinnung auf den Augenblick. Hier zu sitzen, nur mit sich selbst, ohne einströmende Schlagzeilen, Kurznachrichten oder E-mails, kaum mehr möglich. Der nächste Anruf lenkt dich weg von dir, hin zu einem Soll oder Könnte. Abends flimmern in den allermeisten Haushalten Werbebotschaften und Schlagzeilen aus den Flachbildschirmen. Zur Essenszeit gratis in die vier Wände: alle Unglücke dieser Welt. Tote, Verstümmelte, verhungernde Kinder, alles nur Schlagzeilen, die im Sekundentakt mit Bildern von süßen Koalabären, Sternchen, Stars und sportlichen Glanzlichtern verschmelzen. Alles erscheint gleich wichtig, nichts ist daher wichtig. In 100 Sekunden die ganze Welt.

Digitale Flut

Können das menschliche Gehirn und die Psyche all diese Reize, das Bombardement an Botschaften und Bildern unbeschadet verkraften? Bedeutet ein Zuviel an allem, ein zu rascher Wandel der Zeit, eine zu hohe Anforderung an die Spezies Mensch und daraus folgend das Kollabieren der Psyche und damit der Gesundheit? Das ist jedoch längst nicht bewiesen, würden Medienmacher unisono mit den Anhängern der evidenzbasierten Medizin entgegnen. Ja, wie denn auch? Wer sollte solche Studien bezahlen? Die Pharmariesen sicher nicht. Man sägt nicht an dem Ast, auf dem man sitzt.

Dieser Artikel erschien
2016-2015.