Die Frau, die spinnt

Auf einem alten Mühlhof in der Buckligen Welt produziert Christine Söllner Wolle für Weltverbesserer: Von den eigenen Schafen bis zum Spinnrad à la Dornröschen kontrolliert sie dabei jeden Produktionsschritt selbst. Ihre Wolle ist mehr als nur Bio.

Die Kardiermaschine knattert und ächzt, während Christine Söllner die gewaschene Wolle sorgfältig einführt und die Verwandlung in Wollvlies von Hand überwacht – das Grundprodukt zum Filzen und Verspinnen von Wollfäden. Die Maschine ächzt schwer, immerhin ist sie rund 100 Jahre alt – Söllner hat sie second hand erstanden, denn: „Moderne Kardiermaschinen sind groß und auf industrielle Mengen ausgelegt. Damit könnte man nie Wollraritäten herstellen und besondere Dinge einfach nicht produzieren.“
Besondere Dinge sind ihr nicht nur in Modedingen ein Anliegen. Ihr Hof „Mitter-mühl“ an der Grenze zwischen Niederösterreich und Steiermark, an dem sie werkt, gleicht einem großen Abenteuerspielplatz. Jedes Jahr renovieren die Söllners ein anderes Zimmer in der stillgelegten Mühle und statten es mit Holzböden und Kaminöfen aus. Der Hof beherbergt neben ein paar alten Schafrassen auch Pferde, Ziegen, einen Esel sowie alte Hühner- und Entenrassen. Die Kürbisse wachsen dieses Jahr wie wild und werden sorgfältig eingelegt. Landwirtschaft nach altem Format.

Alte Herstellungstechniken neu entdeckt

Dabei ist Christine eigentlich ein Stadtkind aus dem vierten Wiener Gemeindebezirk. Nach ihrer Ausbildung an der Modeschule und einem Bühnenlehrgang wurde sie Kostümbildassistentin beim Film. Als Spezialistin für historische Kostüme wirkte sie an Großproduktionen wie „Kronprinz Rudolph“ und „La Bohème“ mit. Immer auf die Authentizität ihrer Arbeit bedacht, begann sie über alte Herstellungstechniken zu recherchieren. „Mein ältestes Buch ist aus den 1820er-Jahren, da werden noch genaue, sehr kreative Rezepturen für das Färben mit Pflanzen beschrieben. Im nächsten Buch, aus den 1870er-Jahren, da fehlt schon die Hälfte, zu der Zeit wurde langsam auf chemische, industrielle Färbung umgestellt. Dieses Wissen geht einfach verloren“, erzählt die Handwerkerin.

Dieser Artikel erschien
2016-2015.